Rezension

“Neues Deutschland”, Berlin, 26. Februar 1999

Nikola Zivkovic

Rezension

Richard Holbrooke: „Meine Mission -Vom Krieg zum Frieden in Bosnien“, Piper Verlag, München 1998 ( Die Originalausgabe erscheint 1998 unter dem Titel „To end a war“ , bei Random House, New York 1998, USA )

Das Buch fängt mit der Behauptung an: “zwischen 1991 und 1995 kamen in den Kriegen, die im ehemaligen Jugoslawien tobten, fast 300 000 Menschen ums Leben“.
Diese Zahlen sind umstritten. Holbrooke sagt nichts von der Quellen und Beweisen dafür. Das schwedische Institut SIPRI und der amerikanische Diplomat George Kenney schätzen die Gesamtverluste in jugoslawischen Bürgerkrieg zwischen 40 000 bis 70 000. George Kenney, arbeitete bis 1992 im State Department, als er aus Protest wegen der USA-Politik zu Jugoslawien seinen Posten kündigte, schrieb über das Thema in „The New York Times, vom 23 April 1995 folgendes: „Wieviele Leute sind in Bosnien gestorben? Für Nachrichtenorganizationen und Politik-Spezialisten die einfache Antwort ist 200 000. Als jemand, der diesen Konflikt aus der Nähe von Anfang an verfolgt hat als Proffi, bin ich davon nicht überzeugt. Bosnia ist nicht Holocaust oder Ruanda; Bosnia ist Lebanon. …
Aber, je schlimmer eine Anklage ist, um so mehr Mühe mußte man aufbringen, um die Anklage mit Fakten zu belegen. Nach meiner Rechnung, die Gesamtzahl der Toten beträgt nicht 200 000, sondern zwischen 25 000 und 60 000, unz zwar von allen drei Seiten. Was mich überrascht ist nicht, daß diese populäre Zahl so inflatorisch ist, sondern die so offen und unkritisch akzeptiert wurde. Es gab im August 1992 ein CIA-Bericht, in dem man die Zahl der Toten in Bosnien bis 150 000 Toten voraussagte in dem Winter, falls der Westen bis Winter nichts tut. Von dem Bericht wußte bescheid, in September 1992, bei der UNO Hohe Kommessar für Flüchlinge Sondergesandte, Jose-Maria Mendiluce, der für den kommenden Winter 400 000 Toten voraussagte. Der Winter war aber ungewöhnlich mild. Wenige starben. Aber, Bekanntgabe von „ethnischen Säuberungen“, kombiniert mit dem CIA und UNO Vorrausagen, schaften Erwartungen. In diesem Hintergrund war es nicht schwierig für den Bosnische Mulimen Politiker Haris Silajdzic ein Kapitel zu machen. Im Dezember 1992 sprach er von 128 444 Toten. Im Westen diese Zahlen bedeuteten politische Unterstützung. Die Preese hat sich einfach nicht gekümmert, um zu erfahren die Quelle für diese Behauptung. Heute Silajdzic rutiniert spricht von Genozid , aber es gab keinen Holocaust. Wenn es stimmt, daß es in Bosnien 200 000 Toten gab, das würde 200 pro Tag Tote bedeuten, jeden Tag, drei Jahre lang. Aber die Kämpfe selten erreichten solchen Intensitiät. Weder Das Internationale Rote Kreuz noch die westlichen Regierungen fanden die Beweise für die systematische Tötungen. Es gab in den Lager einzelne Erschießungen, aber deren Zahl war nicht hoch genug, um über die zehn Tausenden von Toten zu reden. Internationales Rotes Kreuz bestätigte bei weitem weniger als 20 000 Toten, und zwar bei allen drei Parteien.

George Kenney schrieb über das selbe Thema in „The Guardian“, 17 april 1997: „Aber das angesehene Stockholm International Peace Research Institute im 1996 Yearbook (Oxford, 1997) schätzte 30 000 bis 50 000 Toten am Ende des Krieges, und zwar für alle drei Seiten. Alle Parteien haben gelitten und keine war ein ausschließliches Opfer. Der schlimmste Fehler des Westens lag in der unkritischen Unterstützung für die Bosnischmulsimische Regierung“.

Die Serben schätzen ihre Verluste auf 35 000. Man stellt sich hier die Frage: Wie kann man von der „alleinigen Schuld der Serben“ reden, wenn serbische Verluste ein Drittel aller Opfer darstellen? Wieviele Toten gab es, zum Beispiel, bei dem Krieg zwischen den bosnischen Muslimen und Kroaten? Diesen Krieg hat Holbrooke kaum erwähnt. Den Krieg, den westlichen Medien fast vollständig verschwiegen haben, war „viel blutiger, als der Krieg zwischen den Serben und Kroaten“, meinte der kroatische Politiker Stipe Mesic. Es ist offensichtlich, daß die Zahlen, die Holbrooke benutze, stammen aus den Bosnischmuslimischen Quellen, die mit Absicht die Zahl ihren Toten übetrieben haben, um die Unterstützung aus dem Westen für ihren Kampf gegen Die Serben (und Kroaten) zu bekommen .

Das Buch, welches Holbrooke scharf angreift ist vom Rebecca West: „Black Lamb and Grey Falcon“, weil „West so klar proserbisch ist“ (“West`s openly pro-Serb attitudes“, S.22). Es ist interessant anzumerken, daß alle Autoren, die klare antiserbische Haltung haben, haben immer Rebecca West und ihr Buch, das 1941 erschien, unter die Lupe genommen.

In seinen Erinnerungen gibt es sehr vielen Vermutungen, aber zu wenig Fakten. So, zum Beispiel, als Holbrooke redet über die „Greueltaten der Serben gegen die Muslimen“
(„atrocities being committed by Serbs against Muslims“, S. 23).
Wer etwas Bescheid über den Bürgerkrieg in Bosnien informiert ist, weiß ganz genau, daß es sich hier um die Bilder handelt, die das britische Fersehen ITN in Trnopolje gedreht hat. Thomas Deichmann in der Weltwoche aus Zürich, hat klar bewiesen, daß die „bekannteste Bilder aus dem YU-Krieg“ eigentlich eine Fälschung sind. Roy Gutman, der wieder für seine Geschichte sogar Pulitzer Preis bekam, hat sich später herausgestellt, daß er seine Geschichte nicht selbst rescherschierte, sondern anhand dubiösen Quellen konstruierte. Und diese Version übernam auch Holbrooke kritiklos.

Dem Leser wird auffallen, jedesmal, wenn der amerikanische Diplomat der Begriff „Serben“ benutze, fast immer steht daneben „Aggressoren“, „Greueltaten“, „ Mörder“, etc.
Mit einem Wort, Holbrooke operiert sehr viel mit Sätzen, die mit Emotionen gefärbt sind, die offensichtlich dia Aufgabe haben, eine antiserbische Stimmung zu fordern, und nicht eine Aufklärungsarbeit anzuregen. Was im Buch fehlt, das sind die Tatsachen. So, wenn er versucht zu erklären, wie es zum Krieg in Kroatien kam: „Im August 1991 vereinte ein Oberleutnant der jugoslawischen Armee namens Ratko Mladic seine regulären Truppen mit örtlichen irregulären -meistenteils Mitglieder jugendlicher Rassisten- und Schlägerbanden -und überfiel Kijevo, ein kroatisches Dorf“ (S. 50).

Ich war in der Zeit in Kroatien. Bald nach der Übernahme der Macht, im Mai 1990, Tudjman und seine regierende Partei, die HDZ, veranstalteten regelrechten Pogromen gegen die serbische Minderheit in Kroatien. Zweitens, im Jahre 1990 bis zu Anerkennung Kroatien, im Januar 1992, JNA war die reguläre Armee und die „Armee“ von Tudjman („ZNG“) waren die gesetzwidrige bewafnette Formation. Das sind Fakten, die Holbrooke entweder verschwiegen hatte oder nichts davon weiß.

Vance und Carritgtom haben sich entschieden der deutschen Position widersetzt. „Doch Genscher schlug die Warnungen in den Wind. Ob die Anerkennung Kroatien durch Deutschland -(„und die EG“, steht in der Übersetzumg, aber im Englischen ist die Rede nur Deutschland.-Amerk. Nikola Zivkovic)- anzuerkennen, den Krieg in Bosnien ausgelöst habe? Eine schwierige Frage. Die Entscheidung der Deutschen beschleunigte den Ausbruch des Krieges in Bosnien. In Anbetracht der Rolle Nazi-Deutschland auf dem Balkan, seinen engen Verbindungen zu dem faschistischen Ustascha-Regime in Zagreb und den Vernichtungslagern in Kroatien, in denen viele Juden und Serben starben, versteht man, warum Bonns kroatienfreundliche Haltung die Besorgnis wachrief“ (S. 53-54).

Statt weiter zu gehen, um das Thema konsequent zu analysieren, der amerikanische Diplomat hat plötzlich aufgehört weiter darüber zu schreiben. Als ob er auf einmal Angst bakam darüber nachzudenken. Hier geht es klar um die Verantwortung für den Bürgerkrieg in Jugoslawien. Die Frage bleibt: Wie groß ist die Verantwortung der deutschen Politik? .

Holbrooke schreibt, daß „in Bosnien eine ziemlich große serbische Minderheit lebt“ („the substantial Serb minority lives within Bosnia“ ,S. 23). Es muß peinlich für einen Amerikaner sein, nehme ich an, der etwas mehr über den Balkan weiß, diese Sätze zu lesen. Ein hochrangige amerikanische Diplomat, und so wenig Ahnung worüber er schreibt! Erstens, die Serben sind keine Minderheit in Bosnien. Sie sind ein konsitutives Volk in Bosnien. Nach der letzten Volkszählung von 1991, die Muslimen stellen 43 Prozent der Bevölkerun in Bosnien dar, die Serben, 34 Prozent, und die Kroaten 17 Prozent. Zweitens. Bis 1941 die Serben stellten die größte ethnische Gruppe in Bosnien dar. Im 2. Weltkrieg wurden die Serben von den kroatischen und muslimischen Faschisten, die von den Deutschen unterstützt wurden, massenhaft umgebracht und dezimiert. Darüber kein Wort von Holbrooke.
Dasselbe kann man von Kroatien erzählen. Bis 1941 stellten die Serben in Kroatien 26 Prozent der Bevölkerung dar. Nash 1945 nur noch 15 Prozent. Und heute nur noch 3 Prozent. Kroatien mit Tudjman hat die Verfassung so geändert, die die Serben von einem konsitutiven Volk zu einer Minderheit degradiert wurden. Hier muß man die wahren Ursachen des Krieges suchen.

Eine linguistische Bemerkung. Holbrooke, und die westlichen Medien überhaupt, reden von den „Bosniern“, oder „Bosniaken“. Das ist irreführend. Ein ahnugsloser Leser bekommt so ein falsches Bild vom dem Krieg. Ihm wird sugeriert, daß in Bosnien „die Bosnier“ kämpfen gegen die Serben. So gewinnt man den Eindruck, als ob die Bosnier die altangesesenne Bevölkerung ist, und die Serben „Agressoren“ sind, die aus Serbien kamen, und die „friedliebende Muslimen“ (Bosnier) überfielen. Man weiß, daß im 16. und 17. Jahrhunder, während der Osmanischen Herrschaft, viele Serben-Christen konvertierten zu Islam, weil der Terror gegen den Nicht islamischen Bevölkerung unerträglich war. Izetbegovic, Muhamed Filipovic, Hasan Milosevic, Ibrahim Zivkovic, alle die sprechen ein schönes Serbisch, die Sprache die auch ihre Muttersprache bis heute geblieben ist. Auch darüber kann man keinen einzigen Satz in Holbrooke`s Buch finden.
Dann ist natürlich fraglich, wie man von „vier Jahren serbischen Aggression“
(„four years of Serb aggression in Bosnia“, S. 158) reden kann. Wie kann man Aggressor im eigenen Lande sein?

In einem politischen Buch ist öfter viel interessanter nicht das, was im Buch steht, sondern was der Autor verschwiegen hat. Holbrooke hat, zum Beispiel, alles verschwiegen, was die Serben im besseren Licht stellen könnte. Anfang August 1995 kroatische Armee hat UNO Schutzgebiet Krajina angegriffen. Kroatische Truppen haben dabei 250 000 Serben aus ihren Dörfern vertrieben. Das war die größte ethnische Säuberungen im diesem Krieg. Im Holbrooke`s Buch findet man kein Wort darüber.

Wie kann man den Frieden auf dem Balkan erreichen? Holbrooke kennt nur eine Methode: „Ich habe vorgeschlagen, die Serben wegen ihre Haltung zu bestrafen. Man sollte die bosnischen Serben bombardieren und sogar Serbien falls nötig“ .

Natürlich, daß der amerikanische Diplomat auch von Srebrenica redet. Auch in diesem Fall wiederholt er nur die Behauptungen der Bosnischmuslimische Regierung und der westlichen Presse: „In dieser Woche ereignete sich der größte Massenmord auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg“ (S. 119). („the biggest single mass murder in Europe since World War II“, S. 69).
Louise Arbour ist oberste Strafverfolgerin am UNO-Tribunal zur Ahndung von Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien, in einem Interview, vor kurzem, für den Spiegel (40/1998): „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Tote es wirklich (bei der Eroberung von Srebrenica im Sommer 1995 durch die Serben) gegeben hat.“ Spiegel: „Die bosnische Regierung hat gelegentlich die Zahl von 8000 Menschen genannt. Ist das übertrieben?“ Arbour: „Die Vermißten müssen nicht alle ermordet worden sein. Es wäre verantwortungslos von mir, über die Zahl der Toten zu spekulieren“. Wer ist mehr berufen, als Frau Arbour darüber zu reden. Sie ist aber, wie wir hörten, sehr vorsichtig. Die meisten Juornalisten aus dem Westen leider handeln „verantwortungslos“. Und Holbrooke auch. Sonst hätte er nicht so laut vom „the biggest single mass murder in Europa since World War II“ geredet.

Wer ist Slobodan Milosevic? Waren Zimmerman, ehmaliger amerikanischer Botschafter in Belgrade, hat sehr zutreffend gesagt, daß Tudjman ein kroatischer Nationalist und Milosevic nur ein Opotrunist ist. Das sagt auch Holbrooke. Die Amerikaner haben schon angefangen die Serben in Bosnien zu bombardieren, „with great skill and astonishing success“ (S. 104), wie triuphierend Holbrooke sagte. Republika Srpska hat 1 Million Einwohner. Holbrooke ist so begeistert von dem militärischen Erflog der NATO, als ob es 100 Millionen Serben gibt! Und wie reagiert Milosevic? Auch Holbrooke erwartete, daß Milosevic ihn und seine amerikanische Freunde etwas warten ließ: „Würde sich Milosevic weigern, uns zu empfangen? Würde er uns einen Tag oder länger warten lassen? Würde er uns empfangen, aber über kein anderes Thema als die Einstellung der Bombenangriffe reden? Wir bereiteten uns auf alles mögliche vor – nur nicht auf das, was dann passieren sollte…Milosevic eröffnete das Gespräch mit einigen erstaunlich teilnahmvollen Worten des Beileids für unsere drei bei dem Unfall ums Leben gekommenen Kameraden“ (S. 169-170).
Milosevic hat sofort die Amerikaner empfangen. Damit hat keiner gerechnet.

Den Anlaß, die Serben zu bombardieren, haben die Amerikaner wegen des Massakers auf dem Markt in Sarajevo gefunden. David Binder, ein bekannter amerikanischer Journalist, schrieb darüber folgendes: „Ein hoher UN Beamter hat mir gesagt, daß man nicht genau weiß, wer dafür verantwortlich sei, aber viele Indizien sprechen dafür, daß die Muslimen dafür verantwortlich sind“ (The Nation, 5. Okt. 1995). Über dasselbe Thema sagte der amerikanische Diplomat George Kenney: “Ich sprach darüber mit einem amerikanischen General, der in 1995 in Bosnien war. Seiner Meinung nach, die Wahrscheinlichkeit, daß die Serben für den Massaker verantwortlich sind ist sehr, sehr gering, Eins in Million“ („it was one in a million that the Serbs were guilty“.)

Viele Beobachter stellten sich immer wieder die Frage: Waren die Amerikaner neutral? Hat der Westen wirklich alle drei kriegerischen Parteien gleich behandelt? Lassen wir den amerikanischen Diplomaten selbst reden: “Ich versicherte Tudjman, daß es sehr viel leichter sei, das zu behalten, was man auf dem Schlachtfeld erobert habe, als die Serben am Verhandlungstisch zur Herausgabe von Gebieten zu bewegen. Ich drängte Tudjman, die Offensive auf Sanski Most, Prijedor und Bosanski Novi auszuweiten. Die Städte am grünen Tisch zurückzugewinnen sei so gut wie aussichtlos“ (S. 253) Und auf der Seite 262 wieder:“Ich zog den kroatischen Verteidigungsminister Gojko Susak beiseite. „Was jetzt zählt, ist rasches Hanheln. Wir können das natürlich nicht in aller Öffentlichkeit sagen, aber ich empfehle Ihnen, Sanski Most, Prijedor und Bosanki Novi einzunehmen. Und zwar schnell, bevor die Serben sich neu formieren!“ (S. 262-263). („Gojko, speed is important. We can not say so publicly, but please take Sanski Most, Prijedor, and Bosanski Novi. And do it quickly, before the Serbs regroup!“ Und auf der Seite 193: „Galbraith, Clark and I continued to urge Susak to take as much territory as he could“ .
Hier braucht man keine Übersetzung, keine zusätzliche Erklärung. Holbrooke, der sich als Diplomat versteht, der neutral zwischen den Parteien vermitteln sollte, hier gibt er ganz offen zu, daß er die kroatischen Eroberungspläne unterstützt. Ein durchschnitlicher, ahnungsloser amerikanischer Leser weiß natürlich nicht, daß die Gebiete in Bosnien, die Holbrooke den Kroaten bietet, auch vor dem Krieg mehrheitlich von den Serben besiedelt waren. Es bleibt ein Geheimnis auf Grund welcher Kriterien hat er diese Gebiete den Kroaten versprochen.? Ethnische Krieterien können nicht sein, weil in dem Gebiet die Kroaten nur rund 15 Prozent der Bevölkerung darstellten. Kann man wirklich noch von der „peacekeeping“ Mission des Holbrooke oder Amerikaner reden?

Al ob Holbrooke für einen Augenblick eingesehen hat, daß er zu weit ging, und dann sagte: „Damit setzten wir uns natürlich dem Vorwurf aus, mit zweierlei Maß zu messen. Während wir Tudjman zu einer Fortsetzung der 0ffensive ermutigten, äußerten wir uns zugleich sehr besorgt über das Schicksal der vielen aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen. Galbraith und ich betonten gegenüber Tudjman, daß die brutale Behandlung der Serben nicht entschuldigt werden könne. Für die rücksichtlose Vorgehen gegen die serbische Zivilbevölkerung, gebe es keine keinerlei Rechtfertigung. Das gegenwärtige Verhalten der Kroaten könne, warnte ich Tudjman und benutzte dabei bewußt einen provozierenden Begriff, der im allgemeinen nur im Zusammenhang mit den Serben gebraucht wurde, leicht als eine gemäßigte Form der ethnischen Säuberungen interpretiert werden“. (S. 254).
(„I was conscious, of course, that we could be accused of applying a double standard… Galbraith and I encouraged the Croatian offensive against the Bosnian Serbs. We told Tudjman that there was no excuse for the brutal treatment of Serbs. I told Tudjman that current Croatian behavior might be viewed as a milder form of ethnic cleansing“ (S. 160). Sehr merkwürdige Betrachtung: 250 000 vertrieben Serben aus Krajina könnte man als „a milder Form“ der ethnischen Säuberung betrachten! Holbrooke hat dem Leser eigentlich zugegen, daß er „mit zweierlei Maß messt“. Wie kann man eine militärische Offensive unterstützen, und zugleich „besorgt über das Schicksal der vertriebenen Serben“ zu sein? Nennt man das nicht Scheinheiligkeit?

Während der Verhandlungen in Dayton, Holbrooke führte eine Art Tagebuch. Das sind die interessantesten Seiten in dem Buch. Milosevic hat die Konzessionen gegeben, die keiner von ihm verlangte, so auch mit Sarajevo : „Wir kamen nie ganz dahinter, warum Milosevic plötzlich bereit war, Sarajevo den Muslimen zu überlassen“ (s. 448). ( We never fully understood why Milosevic decided to give Sarajevo to the Muslims“ , S. 292).

Amerikaner haben Den Vertrag von Dayton sehr gelobt. Das ist verständlich. Der Vertrag kam in der amerikanischen Regie zustanden. Besonders waren sie stolz wegen „Wiedervereinigung Sarajevos“. Holbrooke sagt dartüber folgendes: „In den letzten Wochen vor der Vereinigung Sarajevos befahlen die Machthaber in Pale allen Serben in Sarajevo, ihre Wohnungen in brand zu stecken und die Stadt zu verlassen“ (S.514). („In the two weeks before Sarajevo`s unification, Pale ordered all Serbs in Sarajevo to burn down their own apartments and leave the city“, S.335). Zu der Zeit war ich in serbischem Teil von Sarajevo, in Grbavica. Die Menschen waren entsetzt, daß die ganze Stadt den Muslimen gehören sollte. Es ist lächerlich und bösartig zu behaupten, daß „Pale gab den Befehl den Serben, Sarajevo zu verlassen.“ So einen Befehl gab es nicht. Und wer könnte jemanden zwingen, seine Wohnung, sein Haus einfach so zu verlassen? Der Grund, warum die Serben in Sarajevo nicht bleiben wollten war sehr einfach: Es gab keine Sicherheitsgarantien für sie. Viele Serben wurden in der Zeit des Krieges in muslimischen Teil von Sarajevo umgebracht oder ins Gefängnis geworfen. Die Überlebenden trauten sich nicht in der Stadt zu bleiben, wo ihre muslimische Mörder ungehindert ihre Arbeit weiter ausüben dürfte. Einige Serben begingen aus Verzweiflung Selbsmord, weil sie nicht zusehen könnten, daß ihr Haus „ihren Feind in die Hand fallen sollte“. Einige haben auch aus Verzweiflung ihre eigen Häuser angezündet, nur „damit „der Feind nicht ihr Eigentum umsonst bekäme“. Die westliche Presse berichtete von der „serbischen Barbarei“, ohne sich über die Hintergründe Gedanke zu machen. Der amerikanischer Diplomat George Kenney sagte mit Recht, daß „Fernsehenbilder zeigten ganz deutlich wie Hunderte von serbischen Familien, die in Sarajevo bleiben wollten, von den muslimischen Polizisten vertrieben wurden“ („New York Times Book Review“). Die Serben haben eigene Häuser in Brand gesetzt. So haben die Russen mit Moskau gemacht, um Napoleon keine Freude bei der Eroberung Ihrer Hauptstadt zu machen. Holbrooke hat ganz verschwiegen, daß Sarajevo bis 1941 eine Stadt war, in der die Serben die größte ethnische Gruppen waren. Es war für den Westen für bequemer, die Schuld, noch einmal, Pale in die Schuhe zu schieben, als sich selbt zu gestehen, daß Dayton Vertrag de facto Vertreibung der Serben aus Sarajevo bedeutete. Sarajevo ist heute, nach offiziellen Angaben zu 94 Prozent muslimisch. Die Hauptstadt eines multiethnischen Staates ist ethnisch rein muslimisch. Das ist eine Tatsache und es bleibt das schwierigste Problem für den Westen, die Tatsachen zu ändern.

Bosnien hat nie als ein selbständiger Staat existiert. Holbrooke macht sich darüber keine großen Gedanke. Wieso Jugoslawien dürfte nicht existieren, und Bosnien muß? Worüber auch der amerikanische Diplomat schweigt ist die folgende Tatsache: Die Mehrheit der Bowohner Bosnien wollen diesen Staat nicht haben!. Nähmlich, die Serben und die Kroaten aus Bosnien wollen in diesen einheitlichen bosnischen Staat nicht leben. Die bosnischen Serben und die bosnischen Kroaten stellen die Mehrheit der Bewohner Bosniens dar. .

Man kann sich, am Ende des Buches, die Frage stellen: Warum hat Holbrooke dieses Buch überhaupt veröffentlicht? Wollte er sich selbst schaden? Er zeigte zu viele eigene Schwächen. Er offenbarte, daß er wirklich herzlich wenig das Land kennt, über dessen Schicksal er mitentscheiden sollte. Seine Erinnerungen werden auch die Menschen lesen, die etwas mehr Ahnung vom Balkan haben.
Viele Juden haben mit Entsetzen reagiert als man Ende 60er Auschwitz mit Sabra und Schatilla vergleichte. Mit Recht. Heute versucht man Auschwitz und Jasenovac mit Srebrenica oder Trnpolje zu vergleichen. Das tut auch Holbrooke. Das ist absurd, gefärlich und widerlich. Die Quellen der Verbündeten der Kroaten, die Deutschen, nähmlich, sprechen von mindestens 300 000 Toten Serben bis September 1943.

In den letzten Jahren habe ich etwa 40 oder 50 Bücher -von englischen, deutschen und amerikanischen Autoren- über diese Thema gelesen. Holbrooke`s Buch gehört sicher nicht zu den besten, oder, wie George Kenney über das s Buch sagte, „Holbrooke schrieb eine propagandistische Abhandlung“.