Nikola Zivkovic in Berlin

7/2011 · Deutsches Nachrichtenmagazin „ZUERST“, Juli 2011

Der serbische Journalist Nikola Zivkovic im ZUERST!-Gespräch „Serbien steht allein“
Nikola Zivkovic, geboren 1950 im ehemaligen Jugoslawien, ist serbischer Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. Nach dem Studium von Philosophie und Geschichte (1972 bis
1977) in Zagreb nahm er ein Aufbaustudium an der Freien Universität Berlin auf (1980–1982). Seit 1979 lebt Zivkovic in Berlin und schreibt für zahlreiche deutsche, serbische, englische und russische Zeitungen und Fachzeitschriften. Er übersetzte unter anderem Hugo von Hofmannsthals
Gedichte ins Serbische.

Es gibt Spekulationen, daß es kein Zufall war, daß Mladic gerade jetzt festgenommen
wurde. Was denken Sie?
Zivkovic: In der serbischen Presse ist immer wieder das Gerücht zu lesen, Ratko Mladic sei bereits vor einigen Jahren von den Amerikanern verhaftet worden. Man habe ihn erst jetzt der serbischen Polizei übergeben. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen. Eines scheint aber sicher: Man will Republika Srpska ganz beseitigen, sie ist vor allem dem Westen schon lange ein Dorn im Auge. Ein Schauprozeß gegen Ratko Mladic, bei dem die Serben Bosniens symbolisch mit angeklagt werden, ist daher sozusagen ein „perfektes Timing“.

Westliche Medien und Politiker befürchten nun, daß die Radikale Partei Nutzen aus der Stimmungslage ziehen könnte. Muß man vor der Serbischen Radikalen Partei Angst haben?
Zivkovic: Es ist gar keine Frage, daß die Serbische Radikale Partei unter ihrem Vorsitzenden Vojislav Seselj der große Gewinner der aktuellen politischen Lage sein wird. Das wird sich auch bei den Wahlen zeigen. Die Frage ist daher nicht, ob er Stimmenzuwächse haben wird, sondern
nur, wieviele Stimmen es sein werden.

Welche Rolle spielt Srebrenica in Serbien?
Zivkovic: Srebrenica spielt bei den Serben keine große Rolle. Oder besser gesagt: nicht die Rolle, die es in den westlichen Medien spielt. Warum? In Serbien gab es mehrere seriöse Historiker und
Publizisten, die sich sehr intensiv mit Srebrenica beschäftigten: Prof. Dr. Kosta Cavoski, Stefan Karganovic, Dr. Ljubisa Simic und andere Autoren haben alle relevanten westlichen und serbischen Quellen ausgewertet und sind einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, daß es
in Srebrenica ungefähr zwischen 500 und 900 ermordete bosnische Muslime gab. Aber Verbrechen dieser Dimension gab es in mindestens zehn anderen Fällen auch, wobei die Opfer allerdings Serben waren, und über die man im Westen lieber schweigt. Zudem haben die Serben
den Eindruck, daß London und Washington „Srebrenica“ benutzen, um ihre eigenen Verbrechen gegen Serben zu rechtfertigen: Vertreibung der Serben aus der Krajina, ethnische Säuberungen
der Serben aus kroatischen Städten wie Zagreb oder aus der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, Bombardierung vieler serbischer Orte in der Republika Srpska und die fast 80 Tage währende Bombardierung Serbiens von März bis Juni 1999. Aber nur Ratko Mladic wird in der westlichen
Presse als der „Schlächter von Srebrenica“ bezeichnet…

Herr Zivkovic, die serbische Regierung hat Ratko Mladic an das UN-Kriegsverbrechertribunal
nach Den Haag ausgeliefert. Freut man sich in Serbien darüber ebenso wie in den anderen europäischen Staaten?
Zivkovic: Auf keinen Fall. Ich glaube, die große Mehrheit der Serben sieht das negativ. Ich schätze, daß sogar 75 Prozent der Bürger die Rolle der serbischen Regierung negativ bewertet. Und für mehr als die Hälfte der Serben ist Ratko Mladic ohnehin ein Held, eine Ikone.

Warum gilt Mladic als Held?
Zivkovic: Weil er ein Symbol der serbischen Geschichte geworden ist. Serbien war 400 Jahre lang osmanisch besetzt und ist jetzt seit elf Jahren von den Amerikanern okkupiert. Die Haidukken
– unsere Freiheitskämpfer gegen die türkischen Osmanen – gingen damals in die Wälder, trugen Waffen und hielten damit beim serbischen Volk den Freiheitsgeist lebendig. Diese frühen serbischen Freiheitskämpfer findet man in den Erzählungen der besten serbischen Autoren. Der Schriftsteller Ivo Andric, übrigens Literatur-Nobel preisträger, feierte beispielsweise in seinem
berühmten Buch“ Die Brücke über den Fluß Drina“ einen Haiducken. Im Jahre 2030 wird ein serbischer Autor wahrscheinlich ebenfalls so ein Buch über Ratko Mladic schreiben.

Ist Mladic das Bauernopfer für die serbische Regierung, um Mitglied in der EU zu werden?
Zivkovic: Ich denke, nicht einmal die serbische Regierung selbst glaubt, dass damit die serbische Mitgliedschaft in der Europäischen Union auch nur einen Schritt näher gekommen ist. Vor
allem aus Berlin, Wien, London und Paris kommen schon neue Forderungen, die Serbien erfüllen muß. Beispielsweise wird nun von den Serben verlangt, den Kosovo als unabhängigen Staat anzuerkennen.

Wie ist die Stimmung in Serbien: Wollen die Serben überhaupt noch Mitglied in der EU werden – zu diesem Preis?
Zivkovic: Bis vor kurzem gab es eine satte Mehrheit von etwa 60 Prozent der Befragten für einen EU-Beitritt. Jetzt ist sie knapp unter 50 Prozent gesunken, das sagen zumindest die ganz aktuellen
Meinungsumfragen. Nicht einmal die prowestliche serbische Regierung glaubt diese Geschichte.
Der wahre Schlächter von Srebrenica in den Augen Serbiens heißt Naser Oric. Der bosnisch-muslimische Milizenführer ist verantwortlich für den Tod von mehr als 3.000 Serben, die
er in den um Srebrenica liegenden serbischen Dörfern abschlachtete. Doch davon will außerhalb Serbiens niemand etwas wissen. Srebrenica gilt als eine Art Symbol für die „serbische Aggression“. Deutsche Politiker sprachen damals gar von einem „serbischen Faschismus“.

Warum, glauben Sie, ist die allgemeine politische Stimmung so anti-serbisch?
Zivkovic: Sehen Sie, Serbien hat in den Augen Europas vor allem eine große Schuld auf sich geladen.

Welche Schuld meinen Sie?
Zivkovic: Serbien ist derzeit der einzige europäische Staat, der unzweideutig pro-russisch orientiert ist. Das gefällt weder Brüssel noch Washington.

Was geschah während des Bosnienkrieges mit serbischen Siedlungen genau?
Zivkovic: Es gibt serbische Siedlungen, die völlig zerstört wurden – entweder von kroatischen Milizen oder von den bosnisch-muslimischen Einheiten. Die Gebiete um Ozren, die Stadt Mostar
oder Sarajevo hat es besonders hart getroffen. Dort leben heute nur noch drei Prozent Serben, vor dem Bürgerkrieg waren es 36 Prozent.

Warum glauben Sie, sind die bosnischkroatischen Aggressionen kaum Thema in der öffentlichen europäischen Debatte?
Zivkovic: Hinter den bosnischen Muslimen stehen die ganze islamische Welt, die USA und die EU. Warum? Weil die Amerikaner unbedingt in Bosnien und Kosovo einen „weltoffenen, toleranten Islam“ entdeckt haben wollen. Kroatien genießt Unterstützung von der katholischen Welt. Rußland, besonders in der Zeit von Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, war zu schwach, um Serbien zu unterstützen. Mit einem Wort: Die Serben standen völlig allein.

Gelten serbische Wissenschaftler, die die „offi zielle europäische Version“ der Vorgänge
um Srebrenica anzweifeln, als „Revisionisten“?
Zivkovic: Nein! Als „Revisionist“ gilt kein serbischer Wissenschaftler.

Die europäischen Medien schreiben über „8.000 muslimisch-bosnische Opfer des serbischen Massakers“. Wie ist der aktuelle Forschungsstand in Serbien?
Zivkovic: Die serbische Öffentlichkeit weiß, daß einige paramilitärische Einheiten der Serben etwa 600 bosnischmuslimische Soldaten erschossen haben. Wir gehen sogar davon aus, daß
einige dieser serbischen Paramilitärs direkt von westlichen Agenten dafür bezahlt wurden.
Historiker, der über das Thema Srebrenica forscht. Nur westliche Nichtregierungsorganisationen,
die von Washington, London oder Berlin bezahlt werden, bezeichnen unsere Wissenschaftler
als „Revisionisten“, um sie in ein negatives Licht zu stellen.

Herr Zivkovic, wo sehen Sie eigentlich die Perspektive für Serbien?
Zivkovic: Die wichtigste Frage lautet nicht, ob Mladic ein Dracula ist, sondern wie man die serbische Nation retten kann. Das ist eine Nation, die stirbt. Wenn man heute keine schnellen
Rettungsmaßnahmen ergreift, wird sie in 30 Jahren verschwunden sein. Die einzige Rettung liegt nicht in der EU oder NATO, sondern darin, sich so schnell wie möglich unter den Schutz Rußlands zu stellen. Wenn das nicht passiert, werden die Serben das Schicksal der Aborigines in Australien teilen. Das ist meine feste Überzeugung.

Eigentlich müßten die Serben sich auf den Prozeß gegen Ratko Mladic freuen, da dort Srebrenica nochmals untersucht werden soll…
Zivkovic: Natürlich haben viele Serben die Hoffnung, daß in Den Haag die Wahrheit ans Licht kommt. Aber andererseits ist das nicht sehr realistisch, da es nicht dem politischen Interesse des
Westens entspricht. Es ist eher wahrscheinlich, daß die falsche Darstellung trotz gegenteiliger Beweislage sozusagen „juristisch wasserdicht“ gemacht wird. Danach kann sich jeder, der gegen
Serbien propagandistisch ins Feld zieht, auf das vermeintlich objektive Urteil von Den Haag berufen. Wahrscheinlich werden nicht einmal die bosnisch-muslimischen Aggressionen gegen die bosnischen Serben eine große Rolle spielen.

Herr Zivkovic, vielen Dank für das Gespräch. (Deutsches Nachrichtenmagazin „Zuerst“, Juli 2011)

http://www.berlin-athen.eu/index.php?id=205&tx_ttnews%5Bpointer%5D=3&tx_ttnews%5BbackPid%5D=70&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2517&cHash=f10ad713b2297a36085f80e14f4f0147

Verliebt in Deutschland

Der serbische Journalist Nikola Zivkovic gilt in seinem Heimatland als einer der profundesten Deutschlandkenner. ZUERST! hat ihn in seiner Wahlheimat Berlin getroffen

Die Luftlinie zwischen Berlin und Belgrad beträgt so ziemlich genau 1.000 Kilometer. Wie Nikola Zivkovic diese Distanz in seinem Leben bereits zurückgelegt hat, dürfte er wohl selber nicht wissen. Doch heute kommt er mit dem Fahrrad herangebraust, am Lenker baumelt eine Tüte mit Büchern. Von seiner Berliner Wohnung bis zum Savignyplatz sind es nur ein paar Hundert Meter.

Zivkovic ist serbischer Journalist. In seinem Land gilt er als einer der besten Deutschlandkenner und –experten. Bei uns wiederum gehört er zu den gefragtesten Schreibern und Diskussionsteilnehmern, wenn einmal wieder das Thema „Serbien“ auf der Tagesordnung steht. Zivkovic kennt beide Länder und deren oftmals nicht einfachen Beziehungen zueinander besser als die meisten deutschen und serbischen Politiker.

Treffpunkt „Zwiebelfisch“: Das Restaurant am Savignyplatz gehört zu den Traditionsschänken West-Berlins. Und der Name verrät: Hier treffen sich Journalisten und „Medienleute“. Zwiebelfische nennen Schriftsetzer und Buchdrucker einzelne Buchstaben innerhalb eines Textes aus einer anderen Schrift oder einem anderen Schriftschnitt. Und auch Zivkovic ist dort kein Unbekannter (Foto links, von links nach rechts: Nikola Zivkovic, Zlatomir Popovic, Vassilios Tsigaridas, in der Moabiter “Takis Taverne” am 3. Januar 2012).

„Hier gegenüber war einst das Büro der jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug“, sagt er, während er im Gehen auf den schnörkellosen Zweckbau gegenüber deutet. Zivkovic gehörte einst zu den wichtigsten Berichterstattern aus West-Berlin, als Deutschland noch durch den Eisernen Vorhang getrennt war.

Zivkovic bestellt sich Rotwein und öffnet seine Plastiktüte mit den Büchern. Die Titel sind in kyrillischer Schrift und bedeuten schlicht: „Berliner Notizen“. Seit 1978, als der Serbe – damals noch „Jugoslawe“ – in Berlin zum Studium angekommen ist, führt er Tagebuch. Nach seinem 1977 abgeschlossenen Studium der Philosophie und Geschichte an der damals noch jugoslawischen Universität von Zagreb zog es Zivkovic, einem Angebot der West-Berliner Freien Universität folgend, im Dezember 1978 ins geteilte Deutschland. Er war damals 28 Jahre alt – und einer von vielen Jugoslawen, die in die Bundesrepublik Deutschland allerdings als Gastarbeiter gekommen waren.

„Anfangs war ich ein Fremder in Berlin“, erinnert er sich heute. Daß er damals erst mit dem Lernen der deutschen Sprache begonnen hat, hört man heute nicht mehr. „Die Sprache ist doch das wichtigste Werkzeug, um ein Land und sein Volk zu verstehen“, erklärt der serbische Journalist. Von seinen deutschen Freunden habe er verlangt, mit ihm nur Deutsch zu sprechen.

Und wie nahm er die Deutschen wahr? Zivkovic lacht freundlich und sagt, daß er nie Probleme mit uns hatte. Seine Beschreibung „der Deutschen“ klingt heute irgendwie fremd: ein freundliches, aufgeschlossenes Volk in der Mitte Europas habe er kennengelernt. Und das zu einer Zeit, in der man weder in West-Berlin noch sonstwo in der Bundesrepublik Deutschland überhaupt das Wort „Ausländerbeauftragter“ kannte.

„Ich mochte dieses Land, seine Menschen, seine Kultur – speziell die Literatur – sofort“, sagt er und strahlt dazu. Der junge, angehende Historiker entdeckte das Osteuropa-Institut der Freien Universität – und bekam dort Bücher in die Hände, die in seinem kommunistischen
Heimatland im Giftschrank aufbewahrt wurden. Vier Bücher, so Zivkovic, lese er seitdem im Monat. Ein straffes Programm. Doch man merkt schnell im Gespräch, daß er nicht hochstapelt. Zivkovic kennt sich blendend in allen Bereichen der jüngeren europäischen Geschichte aber auch aktuellen geopolitischen Fragen aus. Auch das dürfte er den meisten
seiner etablierten deutschen Journalisten-Kollegen voraus haben.

„Ich konnte mir so die deutsche Sprache nach und nach erschließen, verstand, was um mich herum vor sich ging, und begann aufzuschreiben was ich sah und hörte.“ Er begann, für Belgrader Tageszeitungen und Magazine zu schreiben. Später dann auch für deutsche und russische Zeitungen. Die Themen aus Berlin waren bunt gemischt, Zivkovic berichtete über politische Ereignisse ebenso wie über Aussstellungen oder Konzerte aus der geteilten Hauptstadt Deutschlands. Er schmunzelt: „Zu meiner Zufriedenheit kann ich sagen, daß mir das auch stets pünktlich vor Redaktionsschluß gelungen ist.“

Deutschland und Serbien – niemand käme wohl auf die Idee, diesen beiden Staaten eine herzliche Freundschaft nachzusagen. Oder viele Gemeinsamkeiten. Niemand außer Nikola Zivkovic. „Berge von Vorteilen und Klischees“ türmten sich auf beiden Seiten. Während Zivkovic das sagt, deutet er mit seinen Händen die Vorurteils-Gebirgslandschaften an.

„Dabei sind die Serben heute in Europa so etwas wie die neuen Deutschen“, schmunzelt er – und ruft zunächst mit dieser Aussage Verwirrung beim Gegenüber hervor. Wie meint er das?

Zivkovic nimmt einen Schluck aus seinem Glas und erzählt die Geschichte seiner Tochter Rajka, die in Berlin Ende der 1990er Jahre aufs Gymnasium ging. Sie sei eines Tages erschüttert und gedemütigt aus dem Unterricht nach Hause. Dort sei über das Thema „Serbien“ gesprochen worden. „Die Serben“, habe Zivkovics Tochter dort erfahren, würden furchtbare Gräueltaten im jugoslawischen Bürgerkrieg verüben, sie hätten angeblich „Konzentrationslager“ errichtet, begingen Völkermord an bosnischen Muslimen. „Sind wir wirklich so schrecklich?“, habe sie ihren Vater gefragt.

Daß bis heute deutsche Schüler mit genau der gleichen Frage nach Hause kommen, weiß Zivkovic. Und er weiß ebenso, daß viele der schrecklichen Geschichten, die über angebliche Gräueltaten erzählt werden, kaum einer objektiven Prüfung standhalten. „Für die Psyche eines Volkes ist so etwas fatal“, erklärt der serbische Journalist. Den Serben, so Zivkovic, wiederfahre heute nun etwas ähnliches, wie den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. „Uns wird die Identität der Täter übergestülpt. Wir sollen uns schuldig fühlen. Unseren Kindern erzählt man, ihre Väter und Großväter seien Verbrecher gewesen.“ Das Wort „Umerziehung“ fällt. Dieser deutsche Begriff treffe diesen Vorgang sehr gut, meint Nikola Zivkovic. Denn letztendlich gehe es ja darum, eine neue Generation zu erziehen, deren nationale Identität als Serben voller Brüche und Gewissensbisse sei – was bis zur nationalen Selbstverleugnung führen könne.

„Wenn man sehen möchte, wohin so etwas führt, muß man nur die Deutschen studieren“, sagt er. Man mag es für den berühmten geschichtlichen „Treppenwitz“ halten, daß es vor allem linke bundesdeutsche Politiker waren, die den Serben seit den 1990er Jahren zu den „Badboys“ Europas stilisieren. Es war vor allem der Grünenpolitiker Joschka Fischer, der 1999 während der Kosovo-Krise kräftig mit den Säbeln rasselte. Gegen Serbien schwang er die Holocaust-Keule: „Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Ich habe auch gelernt: Nie wieder Auschwitz.“ Deshalb müsse man nun Belgrad bombardieren, so der damalige deutsche Außenminister. Und dem Magazin Newsweek verriet Fischer: „Ich sehe eine Parallele zu jenem primitiven Faschismus. Offensichtlich sind die 1930er Jahre zurückgekehrt, und das können wir nicht hinnehmen.“

Zivkovic schüttelt angesichts solcher Entgleisungen den Kopf, käme aber niemals auf die Idee, mit wütenden Beschimpfungen zu antworten. Stattdessen quält er sich ein Lächeln ab und sagt mit dünner Stimme, daß diese Aussagen Fischers nicht gerade auf „übergroße Klugheit“ schließen lassen. Vor allem seit dem jugoslawischen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren und mit der NATO-Militäroperation gegen Serbien 1999, welche zur Abtrennung des Kosovo führte, fühlt sich Nikola Zivkovic immer öfter dazu gedrängt, entschieden Position für sein Land zu ergreifen. Nicht, weil er ein Chauvinist wäre, wie er sagt, sondern weil es ihm „um die Wahrheit“ gehe. Dann sitzt der serbische Journalist beispielsweise im Fernsehstudio der Deutschen Welle und muß als Außenseiter die Position Belgrads im Kosovokonflikt erläutern und verteidigen. Und immer wieder steht er vor dem gleichen Problem: Wie erklärt man Dinge wie das Gefühl einer „nationalen Identität“, die Bedeutung einer historisch wichtigen Region wie das Kosovo für Serbien irgendwelchen abgehobenen bundesdeutschen Bekenntnis-Weltbürgern? Oder in anderen Worten: Wer zu Königsberg Kaliningrad sagt und zu Schlesien Polen, der kann halt nicht verstehen, warum für die Serben das Kosovo die Wiege der Nation ist.

„Das Kosovo ist für uns nicht einfach irgendeine „Provinz´“, erklärt Zivkovic. „Dort lag einmal das Zentrum des mittelalterlichen Serbien.“ Die Bedeutung des serbischen mittelalterlichen Reiches spitzt sich auf ein Datum zu: den 28. Juni 1389, den Vidovdan, den Sankt Veitstag. An diesem Tag vor mehr als 600 Jahren wurden die Serben, die an der Spitze eines christlichen Heeres kämpften, von den Osmanen besiegt. Es war der Beginn des Untergangs des serbischen Reiches. Die verlorene Schlacht auf dem Kosovo wurde seitdem als spiritueller Sieg gedeutet, als Opfergang. Serbien opferte sich selbst, fügte den Türken erhebliche Verluste zu und stoppte so vorerst den Eroberungszug aus Asien.

Serbien starb für die Rettung Europas, könnte man auch sagen. Und das Kosovo ist das „serbische Jerusalem“, sagen die Serben.

Erst 1912/13, während der Balkankriege, konnten die Serben die Türken wieder vertreiben, so daß nach mehr als 500 Jahren das Kosovo wieder unter serbische Kontrolle kam. Doch die muslimischen Albaner, die sich unter der Türkenherrschaft dort ansiedelten, vermehrten sich schneller als die verbliebenen Serben. Dieser Konflikt gipfelte im Kosovokrieg. Die NATO schlug sich auf die Seite der Albaner, die deutsche Luftwaffe bombardierte Belgrad, ein Grüner und ein Sozialdemokrat – Joschka Fischer und Rudolf Scharping – gaben die Kriegsparolen aus.

„Heute werden serbische Klöster dort von Albanern zerstört, die serbische Minderheit im Kosovo wird schikaniert und angegriffen“, erzählt Zivkovic sichtlich bewegt. Neben den Ruinen serbisch-orthodoxer Kirchen schießen nun die schneeweißen Minarette von Moscheen in Höhe, die meist nur dank saudi-arabischer Finanzspritzen im Kosovo gebaut werden können. Mitten auf dem Balkan werde so im NATO-Protektorat ein orientalischer Vorposten errichtet. Ein zweites Mal nach 1389 bluten die Serben – und niemand dankt es ihnen.

Daß sich nun Belgrad immer mehr mit der Rolle des Alleinschuldigen abfindet, sieht Zivkovic mit großer Skepsis. „Serbien wird gefügig gemacht, als ,Lohn´ winkt die EU-Mitgliedschaft.“ Belgrad liefert nun mutmaßliche Kriegsverbrecher – wie zuletzt Ratko Mladic – brav an das UN-Kriegsverbrechertribunal nach Den Haag aus, man entschuldigt sich für angebliche Massaker und Kriegsgräuel, deren Beweislage äußerst dürftig sei, so Zivkovic. Nun verlangt Brüssel von Belgrad die Anerkennung des Kosovo als eigenständigen, albanischen Staat.

Nikola Zivkovic leert den verbliebenen kleinen Rest in seinem Rotweinglas. In zwei Wochen, erzählt der Serbe, fliege er wieder für einige Zeit in die Heimat nach Belgrad. Dort werde er dann sicherlich auch wieder nach „den Deutschen“ gefragt. Und was antwortet er dann? Zivkovic lächelt: „Niemand zwingt mich dazu, die Hälfte meines Lebens in Deutschland zu verbringen. Ich mag dieses Land, seine Menschen und seine Kultur. Und ich wünsche mir, daß dieses liebenswürdige Volk es endlich wieder schafft, wieder aufrecht zu gehen.“

Dieser Wunsch eines Serben ist durchaus logisch, auch wenn es vielleicht zunächst nicht so scheint. Denn die deutsche Beteiligung am NATO-Krieg gegen Serbien 1999 entsprang ja genau aus dem gebrochenen Selbstbild, dem fast pathologischen Wunsch der „Berliner Republik“, endlich einmal „auf der richtigen Seite gegen den Faschismus“ zu kämpfen. Eine selbstbewußte Regierung in Berlin hätte solche politisch-militärische Übersprungshandlungen gar nicht nötig und könnte sich stattdessen als mitteleuropäische Friedensmacht positionieren.

Sieht Zivkovic da einen Hoffnungsschimmer. Er runzelt die Stirn und frotzelt, daß zur Beantwortung dieser Frage eventuell noch einige Gläser
Rotwein zuträglich wären. Doch dann wird er nachdenklich. Er kommt wieder auf seine Leidenschaft für Literatur zurück. „Ich lese vor allem gerne Biographien. Und diese weisen oft erstaunliche Brüche, Kehrtwendungen und Kurswechsel auf. Manchmal geschehen diese ohne jede Vorwarnung.“ Und dies könne auch jederzeit politisch geschehen, warum nicht in Berlin, sagt er mit vorsichtigem Optimismus. „Wer wußte denn am 8. November 1989, daß einen Tag später die Deutschen auf der Mauer tanzen?“ Zivkovic lächelt. Denn dies war einer seiner schönsten Tage in Berlin. Warum solle so etwas nicht wieder – aus heiterem Himmel – passieren? Dem kann man schlecht widersprechen.

Er müsse noch einen Artikel für eine serbische Zeitung fertigschreiben, sagt er zum Abschied und schaut auf seine Uhr. Auch den Termin werde er auf jeden Fall einhalten. „Termine einhalten, das ist doch sehr deutsch“, lacht Zivkovic. Er schwingt sich wieder auf sein Fahrrad. Winkend nimmt er die Kurve in die Knesebeckstraße.

Erscheint demnächst im http://www.zuerst.de Rubrik: Interviews-Portraits 23.01.12